Whitest Boy Alive@Tape Club Open Air
UNGLAUBLICH ÄSTHETISCH

Wir standen vier Stunden mit 4000 Menschen bei 37 Grad im staubigen Sand. Unsere Kehlen waren trocken und die Schlangen vor den Bars und dem Imbiss krochen über das gesamte Gelände. Die Sonne stach gnadenlos auf uns herab und ließ jede Bewegung überflüssig erscheinen. Wir waren wie in Watte gepackt und blinzelten halb ohnmächtig zu den restlichen 3998 Menschen um uns herum. Es war Sonntag 16 Uhr und wir waren glücklich.

Was wir spürten, war Vorfreude, denn The Whitest Boy Alive würde bald für uns spielen. Doch bevor die ersten Töne von Erlend Øye und seiner Band vier Stunden später erklangen, waren wir schon eingelullt. In eine Wolke voller Homogenität. Wir fühlten uns so dermaßen zugehörig zu der um uns herum wabernden Meute, dass ich mich kneifen musste, um nicht an eine Klon-Aktion der PR-Agentur von The Whitest Boy Alive zu glauben. Selten habe ich so viel Jugend, Ästhetik und urbane Attitude gespürt wie an diesem Sonntag vor dem Tape Club. Braune Glieder trugen die Design-Avantgarde zur Schau, man gab sich unauffällig aber beobachtend und alle kannten sich irgendwie. Das Gefühl, mit der persönlichen Gefühlscrowd zur richtigen Zeit am noch nicht abgenutzten Ort zu sein, trug uns davon und ließ uns lächeln. Manchmal darf Glücklichsein einfach sein.

Und ein bisschen peinlich. Denn Homogenität bringt unweigerlich auch Konformität mit sich und so bin ich der größten Ansammlung von Ray Bans Wayfarer in meinem Leben begegnet. Von hinten habe ich mich an ihre Träger heran gepirscht, um sie auf meiner Kamera zu bannen und viel Spaß dabei gehabt.

So viel zum Stereotyp des „Berlin-Mitte“ Typus, der bekanntermaßen ja nicht darauf aus ist, schrecklich individuell sein zu wollen. Und vielleicht macht es die Dinge ja auch leichter. Wenn Ray Ban-Weibchen Ray Ban-Männchen sichtet, verzückt zu den schließlich einsetzenden Whitest Boy Alive-Gitarren die Hände in den Himmel streckt und gemeinsam mit ihr und den anderen Tausend für Erlend Øye singt, dann ist das doch zumindest schon mal die perfekte Steilvorlage für das gemeinsame DVD-Schauen im Herbst.

Photos shot with N86.
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ray bans sind wie whitest boy alive-konzerte – man möchte sich einer bestimmten szene zugehörig fühlen. unsere gesellschaft ist eh schon so individualisiert – da ist etwas ‘wir’-gefühl durch temporäre konformität doch etwas positives. übrigens find ich, dass es auch früher bei konzerten schon primär um szene-zugehörigkeit ging. auch sehr interessant: konzerte und mode werden wichtiger zur peergroup-integration, weil man diese nicht (wie musik) gratis downloaden kann.
“die perfekte Steilvorlage für das gemeinsame DVD-Schauen im Herbst” !?
wir haben gestern die jungs am ton darauf angesprochen. die meinten das sie den ton wohl mitgeschnitten hätten. wenn die vom gestrigen abend eine dvd veröffentlichen würden, bin ich einer der ersten, die soeine käuflich erwirbt !