Vienna Boogie – Ja, Panik!

December 13, 2009 | von

JA, PANIK LIVE IM HAFENKLANG, HAMBURG, 10.12.09

ja panik 025 Vienna Boogie   Ja, Panik!

Wie toll „Ja, Panik“ aus Wien, jetzt Berlin, sind, haben wir ja schon lautstark verkündet. Intro, Spex und Co. sind auch der Meinung.

Nachdem sie bei LAN, einem von mir mit organisiertem Festival für Literatur, im Mai gespielt haben und glatt Jens Friebe, den Headliner des Abends, ein bisschen an die Wand schubsten, hab ich sie in Berlin neulich verpasst und bin ihnen nach Hamburg nachgefahren.

Ich stapfe durch Dauerregen, wie es ihn in Berlin nie gibt: stundenlang, tagelang, ohne Pause. Donnerstag, 22 Uhr: meine Hände sind kalt, mein Füße sind nass, der Wind weht mir durch die Jacke. Niemand auf der Straße.

Die Paniks spielen im Hafenklang, einem der linken Legenden des Stadt, der nach Renovierungen und Exil jetzt wieder am alten Ort mit Blick auf den Hafen liegt. Blick auf den Hafen? Nee, Moment. Leider falsch. Da hat man schicke Bürogebäude hochgezogen. Backstein, Glas und Stahl. Allererste Reihe, sozusagen. Der Hafen ist so gut wie weg, guckt nur noch um die Ecke.

ja panik 107 Vienna Boogie   Ja, Panik!

Der Hafenklang dann warm und voller Leute im Alter von 18 bis Ende 30. Gute Mischung. Auch die 80er-Retro-Alternative-Kids, auch die Punks, selbst die Säufer haben in Hamburg irgendwie immer eine bürgerliche Grundierung. Das kann man mögen oder nicht – wenn man aus Berlin kommt, wo selbst die Bürgerlichen immer irgendwie prollig sind, ist es manchmal ganz angenehm.

Vorband verpasst, also schnell rein zu “Ja, Panik” – heftiger Begrüßungsapplaus, dann „Alles hin, hin, hin“, der Opener der neuen Platte. Und gleich ist alles gut: Headbangen, Mitsingen, Finger in der Luft. Als wär man wieder 20. Rock’n’Roll hält eben doch jung.

OK, der Sound ist nicht besonders gut, aber die gut 100 Zuhörer stört das nicht. Auch die abwartend-skeptischen Gesichter von ein paar Ältereren, die an der Wand lehnen (Musikjournallie?) halten sich nicht lang. Dafür machen Andreas Spechtl und seine Jungs einfach zu viel Spass.

Kaum Zeit für Ansagen, nur hin und wieder eine kleinen Panne (Capo verschmissen etc.), die charmant überspielt werden und gerade gut kommen. Das Spiel ist sonst annähernd perfekt: technisch, dynamisch, die vielen Beats und Tempowechsel, das Cut Up der Musik sitzt. Und Spechtl kann von Croonen (und dabei auch mal den Text vergessen) übers zeitlose Lalala bis zu energischem Shouten und richtigem Schreien alles.

ja panik 076 Vienna Boogie   Ja, Panik!

Wie der Pop-Appeal vor allem der neuen Songs mit Feedback und Krach, wie Ekstase, Technik und Kalkül auch live zusammengehen, das hebt „Ja, Panik“ weit über das meiste dessen hinaus, was im deutschen Sprachraum sonst so angeboten wird. Von den Texten ganz zu schweigen, die gut die Hälfte des Publikums laut mitsingt. In Bühnennähe ernsthaft begeisterte Gesichter.

Nach einem schnellen Ritt durch das Beste aus „The Taste and the Money“ und „The Angst and the Money“ schließt die Band mit einer großartigen Version von John Cales „Fear“, die, das Original beim Wort nehmend, in apokalyptischem, auto-aggressivem Lärm mündet. Gitarren werden geschlagen, Bässe traktiert, Sebastian Janata am Schlagzeug hört nicht auf, in die teuer aussehenden Overhead-Mikros „Say, fear’s a man’s best friend“ zu schreien. Feedbackdröhnen. Klassisch. Angemessen.

ja panik 096 Vienna Boogie   Ja, Panik!

Dann, als letzte Improvisation, ein Satyrspiel: Spechtl am Klavier, Gitarrist Thomas Schleicher singt eine halbtuntige Trash-Gospel-Version von Bob Dylans „Ring them Bells“. Die Band, Hand in Hand, eine ironische Kirchengemeinde, singt: „And they’re breaking down the distance between right and wrong“. Mit Ernst und Pathos, Groteske und Komik. Mit Pop und Punk und keinem von beidem.

ja panik 106 Vienna Boogie   Ja, Panik!

Danach stehen sie am Eingang und verkaufen ihre Platten, CDs und Sticker selbst. Der Regen hat aufgehört, wer glaubts denn. Ich muss kurz zu ihnen hin und gratulieren. So greifbar sind sie sicher nicht mehr lang.

// Fotos > Alexander Gumz //

1 Star (0)
Loading ... Loading ...

Kommentar verfassen