Völlig überzeichnet
Damien Hirst, britischer Künstler, Szene-Provokateur in den 1990ern und mittlerweile Multimillionär, beschuldigt einen jugendlichen Graffiti-Künstler eines der größten Kunstraube in Großbritanniens Geschichte. Das Diebesgut: Eine Schachtel Bleistifte.

"pencils found. ransom sought" by postbear (flickr.com)
Ein paar Euro kostet ein gewöhnliches Set Bleistifte. Wenn solch eine Schachtel allerdings Bestandteil eines Kunstwerkes von Damien Hirst ist, setzt eine absurd-überzogene Wertsteigerung ein. Diese Erfahrung machte der 17-jährige Graffiti-Künstler Cartrain. Er hatte Anfang Juli in der Tate Britain von der detailreichen Hirst-Installation “Pharmacy” eine Schachtel Bleistifte der Serie Faber Castell Mongol 482 aus dem Jahr 1990 entfernt.
Die Aktion sollte ein symbolischer Racheakt gegenüber Hirst sein. Dieser hatte gegen eine Parodie Cartrains auf eines seiner bekanntesten Werke, den diamantbesetzten Schädel “For the Love of God”, geklagt. Mit Erfolg: Cartrain musste auf Druck der „Design and Artists Copyright Society“ seine Stencil-Bilder aushändigen. Deshalb forderte nun der junge Künstler auf seiner Webseite mit fingierten Fahndungsplakaten öffentlichkeitswirksam die Rückgabe seiner Werke, andernfalls würde er Hirsts Bleistifte anspitzen.
“For the safe return of Damien Hirst’s pencils I would like my artworks back that DACS and Hirst took off me in November. It’s not a large demand… Hirst has until the end of this month to resolve this or on 31 July the pencils will be sharpened. He has been warned.” (Quelle: The Independent ART)
Eine ironisch-witzige, etwas durchgeknallte Retourkutsche für den Urheberrechtsstreit. Doch Hirst versteht ganz offensichtlich keinen Spaß. Er sah durch die Entfernung der Bleistift-Packung sein Kunstwerk “Pharmacy” zerstört und schaltete Scotland Yard ein. Die Polizei nahm Cartrain fest und obendrein noch seinen Vater, der verdächtigt wurde, die Bleistifte aufzubewahren.
Beide kamen mittlerweile gegen Kaution frei, sollte Cartrain jedoch wegen Diebstahls verurteilt werden, ist wohl auch für den Jugendlichen der Spaß vorbei: Der geschätzte Wert der Stifte liegt bei einer halben, der des Gesamtkunstwerkes bei zehn Millionen Pfund. Eine Bleistift-Schachtel, wir sprechen immer noch von einer Bleistift-Schachtel.
Nicht viele Künstler treiben ihre vom Kunstmarkt ad absurdum geführte Ikonisierung mit einhergehender Realitätsverblendung so geschickt voran wie Sie, Herr Hirst. Weniger “bewunderswert” ist hingegen, wie Sie Ihrerseits mit Urheberrechten von Freunden umgehen. Ihr Künstler-Kollege John LeKay wartet immer noch auf eine Entschuldigung und namentliche Erwähnung als Inspiration für Ihren berühmten Diamanten-Schädel, den Sie 2007 für 75 Millionen Euro versteigerten. Ich nehme an, er akzeptiert auch eine mit Bleistift geschriebene Notiz.
|
|
(0)

