What’s the Buzz, Peaches?

March 26, 2010 | von

Es war wohl noch nicht die endgültige Bühnenfassung, die am Mittwochabend sozusagen als Generalprobe und Pressevorführung im Hebbeltheater, ´tschuldigung HAU 1, präsentiert wurde. Anders kann man sich kaum erklären, dass Peaches sich nur einmal umgezogen hat. Normalerweise streift sie sich doch zwischen Intro und letztem Refrain mehrmals die Kostüme vom Leib. Um den Körper des Leibhaftigen geht es auch in ihrem neuen Grusical, dass sie pünktlich zur ausgehenden Fastenzeit und dem aufsteigenden Osterfest zum Besten gibt: „Peaches Christ Superstar“.

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Maria?

Singen kann sie ja – das wussten wir allerdings auch schon vorher. Doch warum arbeitet sie sich nun an der Passionsgeschichte Webber’scher Prägung ab? „I believe in Jesus… Christ Superstar and actually, I guess I never stopped believing.“ Okay. Aber warum kommt die Performance so lau daher? Und warum muss Chilly Gonzales in die Tasten hauen, als wäre er der abgehalfterte Barpianist einer Hafenspelunke am See Genezareth?

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Judas?

„Jesus Christ Superstar“ lief von 1971 bis 1973 schlappe 711 mal in New York City. Berlin hat nun leider keinen Broadway, aber eben die Stresemannstraße, diesen Off-Boulevard im nördlichen Kreuzberg. Der Stadtteil der Herzen hat zwar keinen Kalvarien- aber den Kreuzberg. Und ans Kreuz genagelt wurde auch der Heiland. Welches Heilsversprechen will uns aber Peaches mitteilen? Dass sie das in den Touristenvierteln der Großstädte auf den Hund gekommene Genre des Musicals rehabilitieren will? Oder dass Andrew Lloyd Webber zwar eindeutig schlechter frisiert als sie ist, aber seine Kompositionen den eben so geschundenen Hund immer noch vorm Ofen vorlocken kann? Fast jedenfalls wäre uns die neueste Bearbeitung durch Peaches und Gonzales erspart geblieben, doch hat „the bad girl of electro punk“ (Eigenzeugnis) die Urheberrechtsprobleme offenbar gelöst.

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Jesus?

Peaches sang allein, dafür alle Rollen (und das war wirklich neu: alle verfeindeten Charaktere in Personalunion zu einer in sich gespaltenen Identität aufgehen zulassen – von Jesus über Judas, Pontius Pilatus und Maria Magdalena), stimmgewaltig und ausdauernd. Lediglich zur eigenen Kreuzigung ließ sie sich riotmäßig aus dem Parkett anfeuern. Trotzdem konnte der Funke Leid genauso wenig überspringen wie die Botschaft, dass der Messias nicht umsonst gestorben ist. Zu entschieden war die Vorstellung, ob sich Merrill Beth Nisker nun eher als klassische Repertoireinterpretin sieht, einfach nur die gute-alte-all-Berlin-girl-Peaches bleiben will oder doch ins Fach der Art-Jazz-Solistin à la Diamanda Galás rüberwechseln will.

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Pharisäer?

So fiel die popreligiöse Erfahrung von Peaches Christ Superstar etwas lasch aus. Webbers Retortenmusik blieb auch im Klaviersolo wenig spannend und visuelles Entertainment, das bei Musicals zumindest unfreiwillig erfreuen kann, ganz aus. Tanzeinlagen ums Penis-Kreuz hin oder her. Dabei bietet der Leidensweg Christi doch so viele unschlagbare Bilder. Aber Peaches wollte wohl weniger auf die Ikonografie als eher auf den Superstar hinaus: sich selbst fordern und als die wahre Jesus der SelbstverHERRlichung den Heiligen Geist ausschütten. Der Glaube versetzt Berge – und manchmal eben nur Egos.

“Peaches Christ Superstar”, Premiere am 25. März, weitere Vorstellungen am  26. und 27. März um 19.30 Uhr im HAU 1, Stresemannstraße 29, Berlin-Golgatha

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Pilatus?

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